Überbewertet: Ceramic Speed Driven Antriebssystem

By: Michael Sinner 16 Jul, 2018 0

Ceramic Speed stellte auf der 2018er Eurobike das innovativste und zugleich überbewertetste Gadget vor. Den Kardanantrieb am Rennrad. Statt einer Kette wird die Kraft von Kurbel auf Laufrad über eine starre Welle übertragen. Statt der klassischen Kette. Was bei manchen Motorrädern ganz normal ist, hat nun einen Weg zum Fahrrad gefunden. Überbewertet ist jedoch der Hype drumherum.

Wenn ihr auch in einer Fahrrad-Filterblase lebt, so wie ich, dann wurde euch das Foto vom Zahnrad-Antrieb täglich hochgespült. Jedes Portal berichtete darüber, auf der Eurobike war der Stand in der Messehalle Ost durchgehend mit einer Traube Menschen besucht. Alle machten Videos davon, so auch ich. Was auf den ersten Blick mega innovativ erscheint läuft nach reichlich Überlegung Gefahr auch schnell wieder von der Bildfläche zu verschwinden.

Schnell wird einem klar, dass es keine echte Konkurrenz zur Kette sein wird. Der vorgestellte Prototyp hat noch keine Schaltung (auch wenn die Bilder es so aussehen lassen), in Serie wird das Produkt auch nicht so bald gehen (auch wenn einige Hersteller daran interesse haben dürften). Versteht mich nicht falsch, auch ich glaube, dass es diesen Antrieb auch im echten Leben bald zu sehen geben wird. Jedoch mit einigen Einschränkungen.

  • Der Kardanantrieb benötigt einen speziell dafür gebauten Rahmen, er kann nicht nachgerüstet werden. Auch wenn die Zahnkranz-Scheibe am Laufrad mit jedem Freilauf und der Zahnkranz vorne auf übliche Kurbeln passt. Der wesentliche Teil, nämlich der Rahmen, muss kompatibel sein.
  • Die Lizenzkosten werden nicht unerheblich sein, die Erfinder werden mit einigen ausgewählten Herstellern arbeiten, die Interesse am Patent haben. Eine massenhafte Verbreitung ist nur denkbar, wenn das System ein völliger Durchbruch wird und die Hersteller es sich nicht leisten können kein solches Rad auf den Markt zu bringen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist aber nicht hoch.
  • Es ist abzusehen, dass dieses System für Räder jenseits der 6.000 EUR prädestiniert sein wird, es ist nicht absehbar ob sich die Technologie jedoch jemals auf günstigere Modelle ausbreiten wird. Anders als High-End Komponenten ist es unwahrscheinlich, dass eine Entwicklung für günstigere Preisklassen überhaupt wirtschaftlich ist. Dieses System wird eher von der Exklusivität leben. Denkbar wäre eine höhere Verbreitung erst viele Jahre später.
  • Die technischen Hürden sind noch hoch, zwar ist es wahrscheinlich, dass eine Serienproduktion möglich sein wird, es könnte sich jedoch noch Jahre hinziehen.
  • Ähnlich wie beim Riemenantrieb könnte auch dieses System ein starkes Nischendasein führen.
  • Die Schaltung der Gänge muss exakt abgestimmt sein, anders als bei der Kettenschaltung. Das kann nur ein Computer der den Schaltzeitpunkt berechnet. Denn der Schaltvorgang kann nur in einem genau festgelegten Kanal erfolgen und nicht jederzeit.

Insofern ist der Hype zwar nett anzusehen, aber wie die Traube am Stand so wird auch sich auch das schnell verziehen. Und dann ist da die Frage, was übrig bleibt, wenn sich der Staub legt.

Fazit: Die größte Innovation die seit Langem auf einer Fachmesse vorgestellt wurde. Jedoch ist es fraglich, wie sehr dieser Antrieb das Fahrrad wirklich prägen wird. Wahrscheinlicher ist eher ein Nischendasein für ausgewählte Einsatzzwecke im Profisegment und für exklusive Räder.

Was denkt ihr? Ist das der Antrieb der Zukunft oder nur unerprobte Spielerei?

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (13 votes, average: 2.54 out of 5)
Loading...

3 comments

  • Das Übersetzungsverhältnis von 376 Prozent ist mager!
    Es sollte auch vorne geschaltet werden.

    Die gängigen “3 auf 7” – praxisfern als 21 Gang gahandelt – bringen es mit der typischen
    Billigbestückung (rings: 24-34-42, sprockets: 11-13-15-18-21-24-28)
    bereits auf 445%.

    Was nützt ein CAD-ermittelter Wirkungsgrad, wenn ich bergauf zu hart trete,
    und bergab paddeln muss, wie ein Hamster auf Kokain?

  • Die umfangreiche Aufzählung negativer Punkter reduziert sich eigentlich auf 2 Aspekte:
    1. teuer
    2. nicht nachrüstbar

    Das sind aber alles keine Argumente gegen die eigentliche Technik. Entscheidend ist vielmehr, ob diese Vorteile bringt, die den Aufpreis zu einer normalen Schaltung rechtfertigen – zumal es heute schon “normale” Schaltwerkskäfige gibt, die mit 500 € mehr kosten als manches Fahrrad.
    Wir sollten erstmal abwarten, wann es die ersten Räder mit dieser Innovation zu kaufen gibt und was qualifizierte Tests bringen…

    • Hi Landshut,
      vielen Dank für dein Kommentar. Gerade gegenteilige Meinungen zu lesen ist gut, denn es ist gut offen für Neues zu sein.
      Doch die Zahl der negativen Punkte lässt sich gut und gerne erweitern:
      – Gefahr durch eine Tellergroße “Käsereibe” am Hinterrad bei Stürzen; Aus Sicht von Profi-Rennradfahrern, die in einem engen Peloton fahren. Schließlich wurden Scheibenbremsen sehr lange genau aufgrund solcher Gefahren abgelehnt. Was soll man da noch sagen, wenn jemand mit so etwas in einem engen Rennfeld auftaucht?
      – Unbekannte Fehleranfälligkeit: Während die Kette mit Schaltung eine etablierte und bekannte Wartung braucht und überschaubar zuverlässig ist ist bei einer solchen komplexen Alternative von einem langen Entwicklungszyklus auszugehen, bis echte Marktreife erreicht wird.
      – Seit der Ankündigung ist bis heute praktisch nichts passiert; das ist (bisher) kein gutes Zeichen

      Aber ich bin dafür offen zu bleiben. Es wäre doch langweilig, wenn alles immer beim Alten bleibt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *